Abgestempelt

[Ohne Worte Stempel nehmen und auf einem Blatt Papier anfangen zu stempeln; erst wortlos und dann mit:] Arroganter Schnösel, Geizhals, Kommunist, Nazi, Lügner, Sektierer … Wir stempeln uns oft gegenseitig ab. Ein Stempel ist der letzte Vorgang, wenn ein offizielles Schriftstück verfasst wird. Die Sache ist damit abgeschlossen, das letzte Wort ist gesagt. Wie oft geschieht es, dass wir sagen oder denken: "mit dem bin ich fertig." Wir haben unser Urteil gefällt. Es wurde auch zu oft bestätigt, als das wir es ändern können. Selbst unter Christen gibt es dieses Abhaken: Gläubig, ungläubig, gläubig, ungläubig. Wir tun das, obwohl wir eigentlich wissen, das es Gott ist, der das erste und letzte Wort über unser Leben spricht.

Die Zöllner waren damals aus zwei Gründen abgestempelt Sie arbeiteten mit der verhassten Besatzungsmacht, den Römern zusammen. Und wenn sie den Zoll einkassiert haben, haben sie oft zuviel genommen. Darum wurden sie von den anderen als Gottlose abgestempelt, die noch nicht einmal ein Gotteshaus betreten durften. Der Unterschied zwischen dem Verhalten Jesu und dem Verhalten der Pharisäer ist der Unterschied zwischen Bewegung und Stillstand. Die Pharisäer legen die Zöllner und Sünder ein- für allemal auf ihre Sünde fest. Jesus dagegen geht auf die Menschen vorurteilslos zu und bewegt sie zu einem neuen Leben mit Gott. Seine Liebe bringt sie in Bewegung, innerlich und äußerlich. Sie folgen Jesus nach, gehen aufeinander zu und versammeln sich und lassen sich von Jesus senden. Hier kann ich von einer dreifachen Bekehrung sprechen: sie bekehren sich zu Jesus; sie bekehren sich zur Gemeinde; sie bekehren sich zur Welt In diese drei Teile möchte ich die Predigt aufgliedern.

1. Die Bekehrung zu Jesus
9,9a Als Jesus durch die Stadt ging, sah er den Zolleinnehmer Matthäus am Zoll sitzen. Jesus sieht jeden Menschen von Gott her, von seiner Bestimmung, dass er ein Kind Gottes werden soll. Er sieht in Matthäus nicht den Zöllner, er sieht den Menschen. Er legt niemand fest auf die Rolle, die sich einer selbst oder die anderen für ihn zugedacht haben. Wie oft engen wir dagegen die Persönlichkeit unserer Mitmenschen ein, indem wir von dem Alkoholiker, dem Behinderten, dem Asylanten, dem Aussiedler, dem Einheimischen, dem Konfirmanden, dem Lehrer sprechen und daran denken, dass sich hinter jedem ein Mensch verbirgt, dessen oft notvolle Lebensgeschichte wir nicht kennen. Indem wir unsere Mitmenschen nicht auf eine Schublade festlegen, ermöglichen wir ihm und uns den Raum für Veränderung. 9, 9b Jesus forderte ihn auf: «Komm, geh mit mir!» Jesus spricht im Griechischen nur zwei Worte. Das ist sicher die kürzeste evangelistische Predigt, die wir kennen. Und was noch mehr überrascht. Die Antwort des Matthäus kommt ganz ohne Worte aus:. Es kommt nicht auf unsere Worte an, sondern darauf, dass wir Jesus gehorchen. 9,9c Sofort stand Matthäus auf und folgte ihm. Die Pharisäer und Schriftgelehrten verwickeln Jesus immer wieder in lange Streitgespräche. Ihnen geht es um Standpunkte. Wer legt die Bibel richtig aus. Matthäus ist nicht halb so kundig in Sachen Theologie wie die Pharisäer. Er könnte wahrscheinlich keine Stellen aus der Schrift anführen, um daran zu prüfen, ob Jesus der Messias ist oder nicht. Aber als Zöllner hatte er eine gute Menschenkenntnis, die sich nicht von Worten blenden lässt. Er spürt den Hass und die Verachtung, die ihm, dem Verräter der mit Rom gemeinsame Sache macht, entgegenschlägt. Dazu braucht es keine Worte. Blicke und Gesten genügen. Wie ist das bei der Begegnung mit Jesus? Jesus hat in seiner Nähe Wunder vollbracht, das hatte Matthäus schon gehört. Die unvoreingenommene Liebe muss Matthäus in der Tiefe seiner Person getroffen haben. Denn selbst wenn er seinen Beruf an den Nagel gehängt hätte, der Stempel: "ehemaliger Zöllner" wäre er nicht losgeworden. Das bisherige Leben hätte ihn weiter verfolgt. Als Jesus vor Matthäus steht und die beiden kurze Worte vernimmt, weiß er: Durch Jesus finde ich einen Neuanfang. Das Leben kann noch einmal beginnen. Mit den Worten folge mir, ist alles gesagt. Er braucht keine Rückfragen zu stellen, wie z.B. : "Was versprichst du mir?" Er weiß, dass Jesus ihm das schenkt, was er nicht kaufen kann: die verwandelnde Kraft der Liebe Gottes. Er stand "auf" hier ist das gleiche Wort wie für Auferstehung gebraucht. Matthäus hat sich entschieden und er geht den Weg mit Jesus. Und nach dieser ersten Entscheidung, der Entscheidung für Jesus folgt die zweite Entscheidung, die Entscheidung für die Gemeinde.

2. Die Bekehrung zur Gemeinde
9,10 Später war Jesus mit seinen Jüngern bei Matthäus zu Gast. Matthäus lud viele seiner Kollegen ein und andere Leute, die ebenso verrufen waren. Bis heute ist es im Orient klar: Miteinander essen ist mehr als die gemeinsame Nahrungsaufnahme. Der Gast wird als Freund gesehen. Die Tischgemeinschaft zeigt, dass Jesu sich seiner nicht schämt. Für die Pharisäer ist das Gotteslästerung: wie kann Jesus Gemeinschaft mit Menschen haben, die vom Besuch des Gotteshauses ausgeschlossen sind. Sie verstehen nicht, dass es die Kraft der Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist, die sich nicht schämt, die Hände schmutzig zu machen, kranke Menschen zu berühren, Verachtete und Ausgestoßene in die Hände zu nehmen und ihnen nicht nur mit spitzen Fingern Almosen in die Hand zu drücken, sondern mit ihnen das Leben zu teilen. 9:11 «Weshalb gibt sich euer Lehrer mit solchem Gesindel ab?» empörten sich die Pharisäer. 9:12 Jesus hörte das und antwortete: «Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!» Jesus gebraucht einen Vergleich aus der Medizin, um den Pharisäern sein Verhalten zu erläutern,. Und natürlich nimmt Jesus die Sünde ernst, so wie ein Arzt die Krankheit ernst nimmt. Kein Arzt sagt bei einer tödlichen Krankheit: ist ja nicht so schlimm. Aber der Arzt begnügt sich nicht mit der Diagnose, er tut alles, um die Krankheit zu heilen. Die Krankheit der Pharisäer besteht darin, dass sie den Kranken als Todeskandidaten abschreiben, ihm den Neuanfang verweigern und so die notwendige Hilfe versagen. Nicht nur die Gemeinschaft unter Frommen ist wichtig und so folgt nach der Bekehrung zur Gemeinde, die Bekehrung zur Welt:

3. Die Bekehrung zur Welt
9:13 Und er fügte hinzu: «Begreift doch endlich, was Gott meint, wenn er sagt: ‚Nicht auf eure Opfer oder Gaben kommt es mir an, sondern darauf, dass ihr barmherzig seid.‘ Meine Aufgabe ist es, Sünder in die Gemeinschaft mit Gott zu rufen und nicht solche, die ihn schon kennen.» Die Größe der Barmherzigkeit Jesu zeigt sich darin, dass er die unbarmherzigen Pharisäer nicht auf ihre Unbarmherzigkeit festlegt, aber auch einen Raum für Veränderung schafft. Mit diesem Zitat aus dem Alten Testament spricht Jesus die Pharisäer auf einem Gebiet an, in dem sie sich zuhause fühlen. Natürlich kannten sie die Stelle. Gelernt ist gelernt. Doch das Lernen, dass Jesus hier anspricht, meint nicht die Anhäufung eines theologischen Wissens, sondern ein "learing by doing", ein Lernen indem man es macht. Ganz wörtlich übersetzt heißt die Stelle: "lernt hingehend" d.h. indem ihr euch zu denen aufmacht, die eurer Annahme bedürfen, lernt ihr Barmherzigkeit. Es geht um die Bewegung der Barmherzigkeit Gottes, die wir mit dem Bild des Pulsschlages veranschaulichen können: So wie das Herz das lebenswichtige Blut aufnimmt und wieder in den Körper bis in die äußersten Zellen verströmt, um diese Zellen mit Sauerstoff und Energie zu versorgen, so besteht Gottes Wille darin, geistlich tote Menschen wieder an den Strom der Liebe, an den Strom der Barmherzigkeit Gottes anzuschließen. So ist Bekehrung zu Jesus, Bekehrung zu Gemeinde und Bekehrung zur Welt. Ich will das an dem ganz praktischen Beispiel von Judith, die wir vorhin getauft haben, deutlich machen. Sie bekommt den Taufspruch mit auf den Weg: Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Psalm 36,10 Licht und Wasser lebt beides davon, dass es verströmt und so seine Wirkung entfaltet. Unsere drei Punkte finden wir hier wieder: Bekehrung zu Jesus: Denn dann kommen in das Licht Jesu. Die Taufkerze die wir vorhin angezündet haben macht das zeichenhaft deutlich. Bekehrung zur Gemeinde: Die Taufe ist die Aufnahme in die Gemeinde, wobei es ja nicht das Wasser ist, sondern das Gott sein Segenswort an das Wasser der Taufe gebunden hat und jedem das ewige Leben schenkt, der es im Glauben an Jesus Christus annimmt.

Bekehrung zur Welt: So wie das Wasser absteht, wenn es für sich bleibt, drängt der Glaube an Jesus Christus dazu, weitergegeben zu werden. Der Unterschied zwischen einem Tümpel und einer Quelle ist, dass die Quelle das Wasser weitergibt. Dieses Verströmen wird an einem römischer Brunnen deutlich. So will ich Judith das Bild einesrömischen Brunnens mit Ihrem Taufspruch weitergeben. So wünsche ich Judith, dass sie in ihrem Leben die Wirklichkeit Ihres Taufspruches erfährt. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Psalm 36,10 Denn dann gilt auch, was wir im nächsten Lied singen: "Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand."

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