5 Kisten

Haben Sie schon mal ein Geschenk bekommen? Ich erinnere mich an ein besonderes Geschenk, das ich als Kind zum Geburtstag bekam. Es war eine große Kiste. In dieser großen Kiste war neben einer zerknüllten Zeitung eine weitere Kiste. Ich öffnete die 2. Kiste – da war es ähnlich: zerknüllte Zeitung, eine kleine Süßigkeit (wir freuten uns damals noch über Süßes) und wieder eine Kiste – die 3. Kiste. Das ging so weiter, bis zum Schluss ein ganz kleines Schächtel-chen mit dem kostbarsten Geschenk von allem bisherigen da war.

Unsere Predigt heute ist ähnlich aufgebaut: da gibt es auch Kisten, in denen wiederum Kistchen sind. Wir wollen alle öffnen, bis wir die letzte Kiste geöffnet haben. Wir entnehmen den Schatz und danach schließen wir wieder all die Schachteln und Kisten, die wir zuvor geöffnet haben.
Eines möchte ich schon verraten: es sind genau 6 Kisten. [Bevor wir jeweils in die nächste Kiste schauen,
werden wir zuvor der Orgel lauschen.]

Wir entfernen in Gedanken das Geschenkpapier und öffnen den Deckel der ersten Kiste. Wir entdecken zunächst ein Bild und eine weitere, die 2. Kiste. Das Bild zeigt einen Bauern, der seine Hand an den Pflug legt. Der Boden, den er bearbeitet ist sehr steinig.
Das Bild hier (zeigen) hat meine Schwägerin Anja gemalt; sie ist selber Bäuerin. Für mich ist es eine Erinnerung an eine Lebensphase in zweifacher Hinsicht. Ich habe dem Bild den Titel gegeben: „Wenn der Pflug des Lebens hängen bleibt“. Es erinnert mich an meine Freiensteinauer Zeit, die vor 10 Jahren zu Ende war. Es ist eine steinreiche Gegend, der Vogelsberg. Da kam es schon mal vor, dass im Frühjahr zum „Steine lesen“ um Hilfe gebeten wurde. „So geht es auch dem Bauern auf unserem Bild. Es ist wirklich eine Schinderei: Buckeln, Bücken und Buddeln. Steine im Acker des Lebens – es geht nur noch beschwerlich weiter. Kaum etwas bewegt sich. Kennen Sie das auch, liebe Gemeinde? Gab es auch schon Steine im Acker Ihres Lebens? Was macht uns zu schaffen? Woran hängen wir in Gedanken immer wieder fest? Was ist der Grund, dass ein Stillstand eingetreten ist? Kann es sein, dass eine Beziehungskiste dahinter steht? Ich phantasiere mal weiter: der Bauer, der beim Pflügen festhängt, krempelt die Ärmel hoch und macht sich an den Stein. Er versucht ihn auszugraben. Er buddelt in der schweren Erde. Da entdeckt er plötzlich, dass es gar kein Stein ist, sondern eine Kiste. Es ist unsere 2. Kiste.

—- Orgel —-

Wir öffnen die 2. Kiste. Und direkt unter dem Deckel liegt ein Blatt mit einem Gedicht von Herrmann Hesse, wunderschön kalligraphisch gestaltet:

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch
und jede Tugend zu ihrer Zeit
und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe,
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen.
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten …
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Betrachten wir – wie Hesse – das Leben als ein Reifen, als ein Durchschreiten notwendiger Lebensräume, dann bedeuten die Stufen einen Aufstieg. Immer reicher an Erfahrungen und an Weisheit ersteigen wir die letzte Stufe der Reife, die einem zeitlichen Wesen zu erlangen möglich ist. Öffnen wir schon mal ganz zaghaft den Deckel der nächsten Kiste …

— Orgel —

3. Kiste: (eine andere Person als der Prediger stellt sich als Nathan vor:) „Ich heiße Nathan. Leicht habe ich es nicht gehabt bisher. Die Christen – ich selbst bin Jude – haben meine Frau und meine 7 Kinder ermordet. Ganz von vorne musste ich beginnen. Ich hasse sie nicht dafür, die Christen, ich kann keinen Menschen hassen. Wohl aber verabscheue ich ihre Greueltaten. Für mich ist der Weg des Friedens und der Versöhnung der Weg der Wahrheit. Ich habe mein Leben nach diesem schweren Schicksalsschlag sogar denen gewidmet, die mir das schlimme Leid zugefügt haben, denn – nur das Gute soll zählen. Ich habe ein christliches Waisenkind in mein Haus aufgenommen. Ich habe es adoptiert. Für mich zählen Taten mehr als Worte. Deshalb mag ich es auch gar nicht, wenn mich Menschen „Nathan der Weise“ nennen. Das hat mich einmal in eine schwierige Situation gebracht. Der Sultan ließ mich zu sich rufen. Eine Frage sollte ich ihm beantworten, die mir zunächst Kopf-zerbrechen bescherte. „Du bist eine Jude“, begann er, „ich ein Moslime. Der Christ ist zwischen uns. Von diesen Religionen kann doch eine nur die wahre sein. Da du nun so weise bist, so sage mir: welche ist die rechte Religion?“ Ich antwortete ihm nach einigem Überlegen mit folgendem Märchen – Ringparabel wurde es später genannt: („Nathan holt die 4. Kiste und überreicht sie dem Prediger)

— Orgel —4. Kiste: „Vor grauen Jahren lebte ein Mann, dem ein Ring von unschätzbarem Wert gehörte. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spiegelte und die geheime Kraft besaß, denjenigen Menschen gut und angenehm zu machen, der in dieser Zuversicht ihn trug. Wen wundert es, dass dieser Mann den Ring auf ewig in seiner Familie behalten wollte. Er gab den Ring von seinen Söhnen dem liebsten und befahl, dass dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen vermache, der ihm der liebste sei, so dass stets nur der Geliebteste der Fürst des Hauses werde. So ging nun dieser Ring von Sohn zu Sohn und kam schließlich zu einem Vater von drei Söhnen, die ihm alle gleichermaßen lieb waren. Als er im Sterben lag, kam der gute Vater in Verlegenheit, denn jedem seiner drei Söhne hatte er den Ring irgendwann einmal versprochen und nun wollte er keinen von ihnen enttäuschen oder kränken. Da ließ er sich von einem Künstler zwei zusätzliche Ringe nach dem Muster seines eigenen machen. Als dieser ihm nun die drei Ringe brachte, konnte selbst der Vater seinen Musterring nicht mehr von den beiden anderen unterscheiden. Froh rief er seine Söhne, einen nach dem anderen, gab jedem seinen Segen und seinen Ring – und starb. Was noch folgt, versteht sich ja von selbst: Kaum war der Vater tot, so kamen ein jeder mit seinem Ring und wollte der Fürst des Hauses werden. Man untersuchte, zankte und klagte. Der rechte Ring ließ sich nicht mehr ausmachen, fast genau so wenig, wie wir jetzt hier den rechten Glauben ausmachen können. Die Söhne verklagten einander und jeder schwor dem Richter, den Ring aus des Vaters Hand erhalten zu haben, was ja auch stimmte. Jeder beteuerte, der Vater könne gegen ihn unmöglich unaufrichtig gewesen sein, eher müsste man den anderen Brüdern misstrauen.“ „Und?“, unterbrach der Sultan ungeduldig, „was sagte der Richter?“ „Der Richter sprach zu den drei Brüdern: der rechte Ring ist nicht zu erkennen, doch Halt. Hat der echte Ring nicht die Wunderkraft, denjenigen Menschen gut und angenehmen zu machen, der ihn trägt? Das muss entscheiden. Denn die falschen Ringe werden das ja wohl nicht können. Das Beste ist, Ihr nehmt die Sache, wie sie liegt. Hat jeder seinen Ring vom Vater, so glaube jeder sicher, es sei der echte. Also: Es strebe jeder um die Wette die Kraft des Ringes zu beweisen. Seid von Herzen gut, hilfsbereit und gerecht! Und wenn sich die Wunderkraft des echten Steines bei euren Kindeskindern zeigt, dann kommt in tausend Jahren wieder vor diesen Richterstuhl. Vielleicht sitzt dann ein weiser Mann hier und wird ein Urteil sprechen: ich kann es nicht!“

(5. Kiste): In der 5. Kiste befindet sich ein Brief. Es ist der Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Paulus schreibt:

[TEXT]

Das, liebe Gemeinde, sind die Worte unseres heutigen Predigttextes; Sie sind in der 5. Kiste verpackt: Nun sind wir alle gespannt, was die letzte Kiste für uns bereit hält.

–Orgel —

In der 6. Kiste finden wir eine kleine Bibel. Ein Lesezeichen liegt darin: Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern der wird das Licht des Lebens haben!“

Was bedeutet es, Jesus nachzufolgen? In Jesu Fußstapfen zu treten heißt: so zu handeln, wie Jesus sich den Menschen gegenüber verhalten hat: friedfertig, gerecht, vergebend, so wird die Liebe Gottes handgreiflich! Beurteilen Sie selbst, liebe Gemeinde, ob Sie dieses kostbare Geschenk im Zentrum unserer Geschenkkisten für sich annehmen wollen. [Jeder Gottesdienstbesucher erhält dieses Bibelwort (schließen)]

Beim Schließen der Kisten, betrachten wir nochmals kurz die Inhalte:
In der 5. Kiste war der Brief des Paulus, unser heutiger Predigttext …

Im Zentrum steht, dass Paulus seine bisherige Richtung ändert und von nun an sich ganz an Jesus orientiert. Das bedeutet, dass die Gerechtigkeit, die von Gott kommt, denen geschenkt wird, die glauben. Gerechtigkeit empfange ich aber nicht nur passiv, sondern es wird auch von mir als Christ erwartet, dass ich andere auch gerecht behandle. Das schließt mit ein, dass ich mich friedfertig verhalte. Friedfertigkeit und Gerechtigkeit sind zwei Seiten der selben Medaille. Somit ist der Brief des Paulus gut zusammengefasst in dem Jesuswort, das Sie nun alle in Händen halten. Wir schließen die 5.Kiste und wenden uns der 4. zu: Die Ringparabel! Sie verdeutlicht dasselbe nochmals: den wahren Glauben erkennt man am Handeln, dabei ist es zweitrangig, zu welcher Religion man gehört. Es ist unwichtig, welcher der echte Ring ist – wichtig ist, dass Güte, Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit das Verhalten untereinander bestimmen. Dann wird Friede sein. Ja, dann hat jeder der Ringe seinen Zweck erfüllt und sei er auch nur aus Blech mit einem Stein aus Glas. Das war die Absicht des Vaters und des Richters. (Schließen)

Wir wenden uns der 3. Kiste zu: Es war auch die Absicht Nathans, der dieses Märchen erzählt hat. Er wollte verdeutlichen, dass man die Menschen an ihren Taten erkennen wird, nicht an ihren Worten. Nathan selbst war ein solch gerechter Mann der Tat.

Wir schließen den Deckel der 3. Kiste und wenden uns der 2. mit dem Gedicht „Stufen“ zu. „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“ Der Apostel Paulus macht aus dem „Vielleicht“ Hesses eine frohe Gewissheit: Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat. Ich möchte nicht anderes mehr kennen, als Christus: ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.“ Damit meint Paulus: „Ich bin gewiss, dass auch der Tod uns nicht trennen kann von der in Christus erschienenen Gottesliebe.“

Gott führt uns von Raum zu Raum – und dabei die Lebensstufen immer höher hinauf. Mag für manche der letzte Raum des Erdenlebens, der Raum des Alters, auch als Rückschritt des körperlichen und geistigen Vermögens erscheinen, weil nicht jeder Mensch diese Weisheit des Alters erreicht, so dürfen wir doch darauf hoffen, dass die zeitliche irdische Begrenzung nicht alles ist, sondern, dass wir mit Gott verbunden bleiben über den Tod hinaus und dass wir dann Räume betreten dürfen, die uns die Augen öffnen werden, um bei Hesses Bild zu bleiben.

Zuletzt schließen wir den Deckel unserer 1. Kiste. Sie erinnern sich: es war die mit dem Bild von dem pflügenden Bauern. Die Plackerei um das Hindernis hat sich gelohnt. Das Selbst-Aktiv-Werden ist das Entscheidende – das Graben in den eigenen Tiefen. Viel Schweiß ist geflossen, vielleicht auch Tränen. Aber der schwere Stein, die belastende Situation hat sich als etwas ganz Besonderes erwiesen, mit dem es sich weiterleben lässt. Ich habe dabei an Jesu Gleichnis von dem Schatz im Acker (Mt. 13, 44f) gedacht. Alles, was bisher so wichtig war, bekommt eine andere Wertigkeit. Aus der Tiefe bricht etwas Neues hervor, das mein Leben verändern kann. Das Tief in meinem Leben, der Durchhänger, die große Krise ist überwunden: der Stein hat sich als eine Schatzkiste entpuppt, so wie aus der grauen Puppe ein wunderschöner Schmetterling wird. Wenn der Pflug des Lebens hängen bleibt, dann liegt das Geheimnis der Wandlung, das uns hilft in der Tiefe zu leben. In der Tiefe unserer Seele stoßen wir auf den, der auch unserem erschütterten Glauben Halt gibt, ja den wir sogar in unserem Schmerz und in unserer Leere anschreien dürfen: „Hilf mir doch weiter“. Das ist es auch, das Paulus veränderte; in der Nachfolge Jesu fand er Sinn für sein Leben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Geschenk auch freudig annehmen können.

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