Liebe muss auch loslassen

Liebe Gemeinde,

eine jüdische Legende erzählt von zwei Brüdern. Einer der Brüder war verheiratet und hatte Kinder, der andere war ledig. Die beiden hatten einen Acker gemeinsam. Im Verlauf eines Jahres bearbeiteten sie den Acker miteinander, pflügten, säten ein und schnitten das Korn. Am Tag der Ernte teilten sie die Garben gleichmäßig auf. Der eine Bruder stellte seine Garben auf die linke Seite des Ackers, der andere auf die rechte. In der Nacht konnten beide nicht schlafen. Der eine dachte: Es ist nicht recht, dass ich gleich viel von der Ernte bekomme wie mein Bruder. Er hat Kinder und muss mehr hungrige Mäuler satt machen als ich. Und er stand auf, ging auf den Acker und stellte heimlich Garben von seiner Seite auf die Seite des Bruders. Der andere Bruder konnte auch nicht schlafen. Er dachte: Es ist nicht recht, dass ich gleich viel von der Ernte bekomme wie mein Bruder. Er ist ohne Familie, er muss mehr für sein Alter zurücklegen. Ich habe dann meine Kinder, die mich durchbringen werden. Und er stand auf, ging auf den Acker und stellte heimlich Garben von seiner Seite auf die Seite des Bruders. Am nächsten Morgen gingen beide hinaus, um nach den Garben zu sehen, und es war wieder gleich wie am Tag zuvor. Doch die Sorge um den anderen ließ sie nicht los und sie machten sich auch in der folgenden Nacht auf, um dem anderen etwas vom eigenen Ertrag abzugeben. Dieses Mal aber trafen sie sich, hörten zu, was der andere vorgehabt hatte, und freuten sich aneinander.

Eine märchenhafte Geschichte – fast unwirklich – weil sie unseren erfahrungen nicht entspricht. Normal wäre der eigene Vorteil, das Streiten um Recht und Gerechtigkeit, der Zaun, der mich schützt vor den Übergriffen anderer, der Bruch in der Beziehung, der unüberbrückbar erscheint.

Hier dagegen lässt die Liebe los und gibt dem anderen das was er braucht. So ist Gottes Liebe, so anders und so groß. Gott möchte dass wir sie zum Vorbild nehmen und uns von ihr leiten lassen. Zu dieser Liebe Gotte möchte ich drei Hinweise geben:

Echo – Gottes Liebe erwidern

„Weil ihr Gottes geliebte Kinder seid, sollt ihr in allem seinem Vorbild folgen.“ Die Reihenfolge in der wir als Gottes geliebte Kinder leben ist wichtig: lass dich von Gottes Liebe erfüllen, dann kannst du seine Liebe weitergeben. Unsere Antwort auf Gottes Liebe ist wie eine Art Echo.

Echo in den Bergen als Beispiel

Jeder Mensch ist mit seinem Leben irgendwie Echo. Die Frage ist nur, auf welche Worte und Dinge wir Echo sind. Bin ich mit meinem Handeln vielleicht Echo auf Umwelt, Arbeitskollegen, Nachbarn nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir! oder: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus!? Schimpfe ich zurück, wenn man mit mir schimpft? Betrüge ich, wenn man mich betrügt? Oder bin ich Echo auf Gottes Liebe am Kreuz? Gottes Aktion der Liebe zum Menschen wartet auf des Menschen Reaktion der Nachfolge. So wie ein kleines Kind nur erwachsen wird, indem es die Worte und die Handlungen der Eltern nachahmt, so sollen auch die Christen im Glauben wachsen, indem sie Gott nachahmen. Und am deutlichsten Sehen wir Gott in den Worten und im leben von Jesus Christus.

Es geht beim Christensein nicht darum, dass er aus eigenem guten Willen und guten Bemühen heraus etwas Gutes schafft. Ein echo kann sich nicht selber erzeugen. Vielmehr geht es darum, dass Gott laut in diese Welt hineingerufen hat. Und nun wartet Gott auf ein Echo, auf sein Echo, das sein Rufen in gleicher Weise wieder- und weitergibt.

Das Echo wirft nur das zurück, was vorher gerufen wurde. So sollen wir auf Gott hören, in seinem Wort der Bibel lesen und so lernen, was Gottes Stimme und Auftrag in unserem Leben ist und wie wir schon gehört haben, sehen wir das am besten in Jesus Christus und darum soll es im zweiten gehen.

Jesus – Beispiel für Gottes Liebe

„2 Geht liebevoll miteinander um, so wie auch Christus euch seine Liebe erwiesen hat. Aus Liebe hat er sein Leben für uns gegeben. Und Gott hat dieses Opfer angenommen.“

Dies schildert die positive Seite der Nachahmung Gottes: liebevoller Umgang untereinander. Wie das aussieht? Ich brauche nur Jesus anzusehen. Liebe ist ein "Sich-für- uns-geben". Also nicht auch mal eine gute Tat – das tut schließlich jeder. Wir haben nur noch eine verbilligte Volksausgabe von Liebe. Von Liebe redet jeder, ob er es auch meint, das zeigt sich erst, wenn er auch aus dieser Liebe heraus handeln soll. Durch Christus und die Christen aber soll eine große Aufwertung von Liebe erfolgen. Wir sollen nicht nur davon reden, wir sollen sie auch leben. Und das hat ganz praktische Konsequenzen, wie wir beim dritten sehen werden.

Liebe muss auch loslassen

Hier ist davon die Rede, das Liebe auch loslassem muss, ich will das an drei Beispielen aus unserem Text verdeutlichen:

„3 Ist es da nicht selbstverständlich, dass ihr euch von allen Ausschweifungen fernhaltet, von Schamlosigkeiten ebenso wie von Habgier? Ihr sollt nicht einmal darüber reden, geschweige denn, dass man euch so etwas nachsagt!“

Das ich auf Gottes Liebe antworte führet auch dazu, das ich Ausschweifungen, Schamlosigkeit und Habgier sein lasse. Ich will das an den Ausschweifungen verdeutlichen: Ausschweifungen im Urtext steht Unzucht (griechisch Porneia, davon abgeleitet das Fremdwort Pornographie) meint allen Missbrauch unserer von Gott geschenkten Sexualität – Beispiele …

„4 Genauso wenig passt unanständiges, gemeines und zweideutiges Gerede zu euch. Eure Sache ist es vielmehr, Gott zu danken und ihn zu loben.“

Unanständiges, gemeines und zweideutiges Gerede ist wie ein Krebsgeschwür in unserer Zeit. Wie viele Gerüchte werden ungeprüft weitererzählt und richten Schaden an. Wer von Gottes Liebe ergriffen ist, behält solche Gerüchte für sich und dankt und lobt statt dessen Gott. Und damit kommen wir zum dritten:

„5 Denn eins ist klar: In Gottes Reich ist kein Platz für solche, die ein ausschweifendes, schamloses Leben führen oder von Habgier besessen sind; denn solche Menschen beten ihre eigenen Götzen an.“ Habgier meint sterben nach Geld und Besitz, so wie es Jesus im Evangelium sagt. „Ihr könnt

nicht Gott dienen und dem Mammon Geld.“ Martin Luther hat in der Auslegung zum ersten Gebot gesagt: woran dein Herz hängt, das ist dein Gott. Wir müssen die Götter Sex, Geltungsbewusstsein und Geld loslassen und werden merken, wie viel mehr wir stattdessen durch Gottes Liebe geschenkt bekommen.

Das Loslassen um der Liebe Gottes willen hat Folgen: „Durch Christus ist es licht und hell in euch geworden.“ Das wünsche ich dir, dass es in deinem Leben licht und hell wird.

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