Lebensgeschichten

Bill Clinton tat es, seine Frau tat es auch, Dieter Bohlen hat es getan und seine frühere Freundin Naddel hat nachgezogen. Bekannte Persönlichkeiten, wie Oliver Kahn oder die Schauspielerin Uschi Glas, haben es auch gemacht. Immer wieder haben Promis aus Kultur, Wissenschaft und Politik es gemacht und zur Zeit ist es geradezu ein Trend, der sich gut verkaufen lässt. Was denn nun, möchten Sie wissen, liebe Gemeinde?

Sie schreiben über ihr Leben. Sie veröffentlichen ein Buch, in dem wir normal sterblichen, weniger berühmten Durchschnittsmenschen lesen können, wie er oder sie wurde was sie sind. Solche Autobiographien sind interessant zu lesen, liefern sie doch manchmal ein wenig Klatsch und Tratsch, der den Alltag etwas interessanter macht. Wir gewinnen durch die Lektüre so einer Lebensbeichte Einblick in persönliche Erfahrungen, die wir mit unseren eigenen vergleichen können. Oder wir tauchen ein in geschichtliche Hintergründe, deren Zusammenhänge uns so aus dem Geschichtsbuch zu spröde bleiben würden.

Wenn ein Mensch aus seiner ganz persönlichen Sicht beschreibt, wie das war in einer bestimmten Zeit Kind zu sein, oder junger Erwachsener bekommen die nüchternen Geschichtszahlen ein wenig Leben eingehaucht und wir können uns etwas besser vorstellen, was es bedeutet hat in dieser oder jener Zeit gelebt zu haben. Oder wir können auf eine andere Weise noch einmal nachvollziehen, warum bestimmten Daten der Geschichte so viel Bedeutung zu gemessen wird. Ganze Schülergenerationen werden an Lebensberichte herangeführt, damit sie aus einer lebendigen Quelle erfahren können was es mit dem zweiten Weltkrieg, mit der deutschen Einheit oder mit dem amerikanischen Wahlsystem auf sich hat.

Einer hat leider keine Autobiographie geschrieben, obwohl wir viel über sein Leben wissen, weil er in seinen Briefen immer wieder etwas eingeflochten hat über sich und sein Leben. Was wäre wenn? Es würde vielleicht so klingen:

"Meine Kindheit, ach das ist so lang her, doch es war schön. Da war so viel Leben, so viel Interessantes. Ich war ein neugieriges Kind, wollte alles wissen, wollte lernen. Ja und manchmal wollte ich gern so sein wie mein Vater. Der war wer in unserer Stadt. Seine Geschäfte gingen gut. Er war römischer Bürger, obwohl wir Juden waren, das war schon etwas besonderes damals. In unserer Familie wurde auch griechisch gesprochen, auf Bildung, gute Gespräche und darauf seine Pflicht zu tun in jeder Hinsicht wurde viel wert gelegt. Mein Vater war auch in der Gemeinde sehr engagiert, als Laie, oder Ehrenamtlicher. Er hat sehr intensiv die Schriften studiert, so dass er sich Pharisäer nennen durfte. Theologe im Laienstand könnte man sagen. Es hat schon etwas für sich, wenn man in der Hauptstadt eines römischen Bezirks aufwächst, die Möglichkeiten sind andere als auf dem Land. Schulen, Philosophen, Kultur, Theater, ich hatte wirklich alle Möglichkeiten. Für meine Eltern war es selbstverständlich, dass ich einmal Vaters Geschäft übernehmen werde und das sich wie er ein wichtiges Mitglied der Gemeinde werde, war auch selbstverst‰ndlich. Für meine Freunde und mich, war es selbstverständlich zum Studium und zur Ausbildung noch einmal woanders hinzugehen. In Jerusalem habe ich bei keinem geringeren als dem angesehenen Gamliel studiert.

Ja und ich war dabei als er starb in Jerusalem, er der mein Leben so verändert hat. Ich habe schon viele Kreuzigungen gesehen. In Jerusalem war das wirklich nichts besonderes und ich habe schon viele ins Gefängnis gehen sehen, die meinten sie wären erleuchtet. Ich kannte ihr Gerede und ihre Ansichten und ich war froh darüber, dass das römische Gesetz so klar für Ordnung sorgte. Aufruhr war schädlich, wir wollten keinen Aufruhr. Nur so konnten wir als jüdische Gemeinde unserer Tradition leben. Nur so konnten wir bewahren, was wir bewahren mussten, damit wir das blieben was wir sind, das auserwählte Volk des einen Gottes.

Die haben keine Ruhe gegeben, auch nachdem er tot war. Die haben einfach keine Ruhe gegeben, sie sind herumgelaufen und haben erzählt er lebt, der Messias lebt. Was für ein Unsinn. Da mussten wir eingreifen, bevor noch mehr passiert, bevor die Römer uns noch mit ihm in Verbindung bringen, denn er war ja Jude, wie wir. Und seine Anhänger auch, obwohl von ehrbaren Leuten kann man da wirklich nicht reden. Fischer, Bauern, na ja und dann all die anderen mit denen man sich eigentlich nicht an einen Tisch setzen sollte. Ja, ich habe sie gehasst. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, was ich an ihnen so gehasst habe, weil sie ja im Prinzip sehr friedlich waren. Sie waren eine Bedrohung für alles. Ich habe mich freiwillig gemeldet, ich wusste was ich meiner Herkunft schuldig bin und habe angefangen ihnen hinter her zu jagen. Wo auch immer ich welche von ihnen gefunden habe, ich habe sie verfolgt, habe sie angezeigt, einsperren lassen, ja und ich habe auch zugesehen wie sie getötet wurden.

Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Ganz oder gar nicht, immer mit vollem Einsatz und immer mit ganzem Herzen. Ich habe mir einen Namen gemacht, man kannte mich in diesen Kreisen und man hatte Angst vor mir. Und meine Lehrer, meine Vorgesetzten sie kannten mich auch und so wurde ich gefragt, ob ich nicht einen eigenen Einsatz leiten möchte in Damaskus. Ich muss zugeben, dass ich wirklich stolz war, das ich ausgewählt wurde und ich habe ja gesagt. Der Hohepriester des Tempels in Jerusalem höchstpersönlich hat mir Briefe mitgegeben, die mich dazu ermächtigten die Anhänger des neuen Weges, wie sie sich nannten zu verfolgen, aufzuspüren, festzunehmen und nach Jerusalem zu bringen. Ja und dann, wie soll ich es sagen, dann kam alles anders als ich es erwartet hatte. Wir waren eine kleine Gruppe, nur mit wenigen Sachen haben wir uns auf den Weg von Jerusalem nach Damaskus gemacht. Nur ein Stück nach Norden hoch, na ja ein paar Tage war wir schon unterwegs. Ich habe mich auf diese Reise gefreut, Damaskus war schon so eine Reise wert. Bei der Gelegenheit konnte ich auch noch ein paar Dinge fürs Geschäft erledigen.

Damskus, das war schon eine kleine Metropole. 15.000 Juden haben dort gelebt und es gab nicht nur eine, sondern viele Synagogen dort. Ich freute mich auf die Kontakte, auf die Diskussionen und ich war mich sicher, dass ich nicht nur geschäftliche Kontakte knüpfen, sondern auch neue Mitstreiter gewinnen würde. Kurz vor Damaskus war es, da wurde ich von einem Licht geblendet, das heller war als alles, was ich bisher gesehen habe. Es war nicht die Sonne, es war einfach unbeschreiblich. Ja und dann hörte ich diese Stimme, seine Stimme, die sagte: Saul, Saul warum verfolgst du mich? Und ich sagte: Wer bist du, was willst du? Und die Stimme sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Ich habe gedacht jetzt werde ich verrückt. Ich konnte es nicht fassen und war sprachlos. Und die Stimme sagte weiter: Steh auf und geh in die Stadt. Dort wirst du erfahren, was du tun sollst.

Die anderen, die standen sprachlos da. Die Stimme haben sie auch gehört, aber gesehen haben sie niemanden. Ich stand auf und machte die Augen wieder auf, aber ich konnte nichts mehr sehen. Ganz vorsichtig haben die anderen mich nach Damaskus gebracht. Ich konnte nicht essen nicht trinken, ich habe gedacht, ich würde verrückt. Und dann kam dieser Mann auf mich zu – Hananias. Er war sehr vorsichtig, denn er war einer von ihnen, vom neuen Weg. Ich spürte, dass er mir nicht wirklich traute, aber er sagte: Saul, Bruder, Jesus hat mich geschickt, der dir auf dem Weg erschienen ist, damit du wieder sehen kannst und mit heiliger Geistkraft erfüllt wirst. Sofort fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich konnte wieder sehen, stand auf und wurde getauft. Dann aßen wir zusammen etwas, so dass ich wieder zu Kräften kam.

Später hat Hananias mir die ganze Geschichte erzählt. Denn er wollte mir nicht begegnen, Jesus hat ihn überreden müssen. Ihm hat er gesagt, das alles wertlos ist, worauf ich so stolz war. Die Briefe des Hohepriester, meine Ziele, mein Erfolg. Ihm hat er gesagt, dass er mich auserwählt hat, dass ich in seinem Namen zu den Menschen gehen soll, zu den Völkern zu allen auch zum Volk Israel. Ihm hat er gesagt, dass ich für ihn leiden werde. Wie wahr."

So könnte Paulus seine Lebensgeschichte erzählen. Ein anderer hat es für ihn gemacht, Lukas, der die Geschichte der Apostel aufgeschrieben hat. In der Apostelgeschichte und in den Briefen des Paulus ist auch zu lesen wie es mit Paulus weitergeht, von seinen Reisen, von seinen Auseinadersetzungen mit den Gemeinden, von dem Streit unter den Aposteln, wer denn nun das Sagen hat. Vor allem mit Petrus ist er sich immer wieder ins Gehege gekommen.

Und wir, wir könnten auch ein Buch schreiben über unser Leben. Es wäre sicher kein Bestseller, wie die Biografie von Clinton. Und vermutlich werden sich auch keine Forscher die Mühe machen unseren Beitrag für die Kirche zu erforschen. Wenn überhaupt erlangen wir ein wenig Glanz in einer Gemeindechronik.

Doch, was würden wir schreiben. Wie würden wir erzählen, wann wir von Gott und von Jesus gehört haben? Vielleicht wäre es die Großmutter oder die Eltern, die uns beten gelehrt haben. Oder wir könnten vom Kindergottesdienst erzählen, von einer Diakonin oder von Pastoren, die uns beeindruckt haben. Auch wir sind, wenn auch nicht unter dramatischen Umständen Menschen begegnet, die unseren Glauben geprägt, belebt und lebendig gemacht haben. Und auch wenn wir nicht für unseren Glauben leiden müssen, könnten wir vielleicht berichten, dass er uns angestiftet hat etwas zu tun, was wir sonst nicht getan hätten. Für den Frieden demonstrieren, oder an dieser und jener Stelle, die Stimme zu erheben.

Jeder und jede von uns hat eine Lebensgeschichte, die erzählenswert ist. Und jeder und jede von uns kennt Wendezeit in seinem Leben. Auch wenn wir nicht Hildegard von Bingen, Luther oder Paulus heißen. Auch kleine Korrekturen im Leben können wichtig sein um das Ziel unseres Lebens zu erreichen. Und dafür brauchen wir andere, ob sie Hananias, Peter oder Sabine heißen ist dann unwichtig.

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