Ein Brief Christi

Liebe Mitchristen,

„ihr seid ein Brief Christi“, so wird dieser doch etwas umständlichere Satz des Apostels Paulus, ursprünglich an die Gemeinde in Korinth gerichtet, gemeinhin kurz umschrieben. Plakative, einfache Worte sind das: „Ihr seid ein Brief Christi.“

Da muss ich mich betrachten, an mir hinunter blicken. Also so direkt Briefform, so muss ich feststellen, weise ich nicht auf. Jedenfalls nicht die gängige Briefform mit zum Beispiel DIN A 6-Format oder so ähnlich.

Ich muss schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, dass ich als Brief zusammen gefaltet werde. Oder wenn ich an den Empfänger denke: was der für Augen macht, wenn er einen solch unförmigen Brief erhält. Oder wenn ich an den Zusteller denke, wie der sich abplagen müsste.

Manchmal spricht man von einem großen und nicht so ganz schlanken Menschen als von einem „stattlichen“ Menschen. Und im Bayerischen heißt es dann womöglich: „Das ist ein stattliches Mannsbild.“ Das ist dann im Sinn von durch die Körpergröße beeindruckend.

„Ihr seid ein Brief Christi“ – da ist auch das Auftreten und der Eindruck mit gemeint, den ein Mensch macht, oder besser gesagt: den wir Christen machen. Allerdings hängt dieser Eindruck – ob man von uns sagen kann: „Das ist ein stattliches christliches Manns- oder Weibsbild“ nicht von der Körpergröße oder –fülle oder überhaupt vom äußeren Eindruck ab.

Von Paulus wird überliefert, dass er vom Äußerlichen her kein beeindruckender Mensch gewesen sei. Das gilt für viele wesentliche biblische Gestalten. Angefangen von Mose, der nach seinem eigenen Eindruck nicht auftreten konnte, über David, der von seinem Vater als nicht würdig empfunden wurde, beim Empfang des Sehers dabei zu sein, bis hin zu einem Petrus.

Kürzlich habe ich unserer Tochter klar zu machen versucht, dass man Auftreten lernen kann. Mir selber ist öffentliches Auftreten nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden. Es geht dabei auch nicht um die Perfektheit – jedenfalls bei Christen nicht. Wir müssen keine Show vorspielen. Sondern es geht um das Glaubhafte und Glaubwürdigkeit. „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“ meint genau dieses: dass wir Christen versuchen, mit unseren begrenzten Möglichkeiten unseren Gott glaubhaft und überzeugend zu verkünden.

Aber wie ist man glaubhaft und überzeugend? Ich habe mich kürzlich mit einer Frau von hier darüber unterhalten – es war ein richtiges Streitgespräch. Überzeugend ist man dadurch, dass man Glauben vorlebt. Weil ich als Christ weiß, dass Gott mir meine Fehler vergibt, darf ich erstens zu diesen Fehlern stehen und muss sie nicht vertuschen. Und dann kann ich zweitens andere Menschen mit ihren Fehlern akzeptieren. Weil ich als Christ weiß, dass Gott und Gottes Reich für mich offen stehen soll, dann muss auch ich anderen Menschen gegenüber offen sein; sonst wäre ich nicht glaubwürdig. Weil ich als Christ weiß, dass Gott in Jesus Christus auf mich zugegangen ist, habe ich die Aufgabe, auf andere Menschen zuzugehen.

Somit hat Christentum, richtig verstanden, ganz automatisch einen missionarischen Charakter. Jeder Christ soll Missionar sein, indem er beispielhaft und vorbildlich Christsein vorlebt.

Jetzt kann man sich natürlich schon fragen, ob das mehr Bürde oder mehr Würde ist.

Über die Bürde: Über eine solche Aufgabe kann man erschrecken. Es wird uns zugemutet, dass wir unser Christsein nicht im Verborgenen leben, sondern „uns präsentieren“. Wobei es allerdings nicht um das sich Präsentieren geht. Schon Johannes der Täufer hat darauf aufmerksam gemacht, dass er auf einen Größeren hinweist. Wir müssen auch damit rechnen, dass man uns kritisch hinterfragt. Einstecken muss man als Christ ja ganz gewiss auch können. Und es kann oft vorkommen, dass wir enttäuscht und frustriert sind über die scheinbare Wirkungslosigkeit unseres Auftretens.

Über die Würde: Ist es nicht etwas ganz Tolles, beauftragt zu sein? Denken Sie an das Kind, das einen Auftrag bekommt und diesen mit stolzgeschwellter Brust ausführt. ICH bin beauftragt, liebe Mitchristen, WIR sind beauftragt. Unser Gott traut uns etwas zu! Wir dürfen auch Stolz empfinden darüber – allerdings nicht falsch verstanden als überheblich. Stolz, zu den Beauftragten unseres Gottes zu gehören. Brief Christi zu sein heißt stolz sein zu dürfen.

Als ich in Tübingen studiert habe, war ich eine Zeit lang für den Konvent badischer Theologiestudenten verantwortlich – alle badischen Theologiestudenten, die in Tübingen studiert haben. Einmal musste ich eine wichtige Liste mit den Namen und Adressen an die Kirchenleitung in Karlsruhe weiter geben. Die Liste kam nie an, aber ich habe von der Post ein Schreiben erhalten, dass durch einen Unfall ein Postsack beschädigt worden ist, und man auch meinen Absender noch lesen konnte. Ich konnte diesen Brief wenigstens noch einmal schreiben.

Manchmal liest man, dass ein Brief lange liegen bleibt und erst nach Jahrzehnten ankommt. Darüber schmunzelt man vielleicht so wie ich in Tübingen über das Malheur der Post auch geschmunzelt habe.

Doch ist das nicht im Sinn des Erfinders, oder in diesem Fall des Briefschreibers. Wenn es von uns heißt: „Ihr seid ein Brief Christi“, ist es nicht im Sinn unseres Herrn, dass dieser Brief liegen bleibt. Sondern dass er beim Empfänger ankommt, dass der Inhalt, die Botschaft des Evangeliums, bekannt wird. Wenn wir liegen bleiben, liebe Mitchristen, wenn wir auf der faulen Haut liegen bleiben, dann ist das nicht im Sinn Christi.

Bestimmung eines Briefes ist, beim Empfänger anzukommen und dort eine Botschaft auszubreiten. Bestimmung von uns Christen ist anzukommen, lebendig zu sein und den Inhalt des Evangeliums an andere Menschen weiter zu geben.

Natürlich kann hier auch ein Einspruch kommen: Wo, so könnten Kritiker fragen, ist ein Christ, ist die christliche Kirche lebendig? Wo erkennt man, dass Christen nicht satt sind, sondern begierig darauf, ihren Glauben überzeugend und lebendig zu leben und weiter zu geben?

Dazu kann man sagen, dass wir gar zu leicht unser Licht unter den Scheffel stellen. Die Kirche hat nach wie vor ein sehr großes Potenzial und kann um dieses Potenzial beneidet werden. Dieses Potenzial sind Sie, liebe Mitchristen. Sie sind die Talente, mit denen die Kirche als Vereinigung des Evangeliums von Jesus Christus wuchern kann. Um dieses Potenzial ist die Kirche zu beneiden. Die Roßfelder Kirchengemeinde ist zu beneiden um die vielen Menschen, die hinter ihr stehen, die zum Gottesdienst kommen, die mithelfen, das Evangelium lebendig weiter zu geben.

Und noch etwas: „Geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes“ heißt es bei Paulus vom Brief Christi. Für die Wirkung der Botschaft, für die Wirkung unseres Auftretens, so heißt das mit anderen Worten, sind wir nicht verantwortlich, sondern nur für das Auftreten selber. Die Wirkung bewirkt Gottes Geist – wir müssen ihn nur herauslassen.

„Ihr seid ein Brief Christi“ – eine tolle und herausfordernde Aufgabe, die uns von Christus und von Gott zugetraut wird. Freuen wir uns darüber und nehmen wir diese Aufgabe fröhlich und mit Schwung an!

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